Nachhaltigkeit
Warum ESG-Bildung den Fluss von Retail-Fonds verändern könnte

Privatanleger sagen oft, dass ihr Geld ihre Umwelt- und Sozialprioritäten widerspiegeln soll. Dennoch stellen nachhaltige Fonds nur einen geringen Anteil vieler persönlicher Portfolios dar. Diese Lücke wird häufig als Hinweis darauf interpretiert, dass Anleger nicht genug Wert auf Nachhaltigkeit legen, um ihren angegebenen Präferenzen zu folgen.
Neue Forschung legt eine andere Erklärung nahe. Anleger könnten die Motivation besitzen, nachhaltig zu investieren, jedoch das spezialisierte Wissen fehlen, das nötig ist, um geeignete Produkte zu identifizieren. In einem zunehmend komplizierten Markt aus ESG‑Scores, Ausschlüssen, thematischen Fonds, regulatorischen Klassifikationen und konkurrierenden Definitionen von Nachhaltigkeit ist es viel einfacher, eine Präferenz zu äußern, als sie in ein Portfolio zu übersetzen.
Eine Studie aus dem Jahr 20261, veröffentlicht im International Review of Economics and Finance, prüfte, ob eine kleine Bildungsintervention dazu beitragen kann, diese Lücke zu schließen. Die Ergebnisse zeigen, dass nachhaltige Finanzkompetenz die Fondsauswahl wesentlich beeinflussen kann, jedoch nur, wenn Anleger bereits ein gewisses Interesse an nachhaltigen Investitionen haben.
Nachhaltiges Investieren hat ein Übersetzungsproblem
Nachhaltige Finanzkompetenz bezeichnet das Wissen und die Fähigkeiten, die nötig sind, um Finanzprodukte anhand ihrer gemeldeten Nachhaltigkeitsmerkmale zu identifizieren und zu bewerten. Sie überschneidet sich mit herkömmlicher Finanzkompetenz, adressiert jedoch eine andere Fragestellung.
Ein Anleger kann Diversifikation, Gebühren, Volatilität und Zinseszinserträge verstehen, aber nicht erklären, wie ausschließende Filterung sich vom Impact Investing unterscheidet. Derselbe Anleger hat möglicherweise Schwierigkeiten zu bestimmen, ob ein Fonds lediglich ESG‑Risiken berücksichtigt oder aktiv ein messbares Umweltziel verfolgt.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der Markt für nachhaltige Investments zugänglicher, aber gleichzeitig komplexer geworden ist. Anleger können heute aus breit angelegten ESG‑Fonds, kohlenstoffarmen Strategien, Clean‑Energy‑Fonds, Green‑Bonds, Transition‑Fonds und Produkten wählen, die um spezifische Themen wie Wasserknappheit herum gebaut sind. Securities.io hat bereits die wachsende Auswahl an ESG‑fokussierten ETFs sowie die Art und Weise untersucht, wie nachhaltige FinTech‑Infrastruktur grüne Investitionen leichter zugänglich macht.
Größere Verfügbarkeit führt nicht automatisch zu besseren Entscheidungen. Jede zusätzliche Kennzeichnung oder Strategie schafft eine weitere Unterscheidung, die Anleger verstehen müssen. Ohne dieses Wissen kann eine Person, die ein nachhaltiges Portfolio möchte, ein konventionelles Produkt wählen, einen Fonds auswählen, der nicht zu ihren Prioritäten passt, oder überhaupt keine Entscheidung treffen.
Wie Forscher die nachhaltige Finanzbildung testeten
Die Forschenden führten ein preregistriertes Experiment mit 1.000 deutschsprachigen Teilnehmenden durch, die über Prolific rekrutiert wurden. Die Stichprobe hatte ein Medianalter von 28 und sollte junge, digital engagierte Retail‑Anleger repräsentieren, nicht die gesamte deutsche Anleger‑Population.
Teilnehmende wurden zufällig einer Behandlungs‑ oder Kontrollgruppe zugewiesen. Die Behandlungsgruppe erhielt eine kurze Broschüre, die drei Bereiche der nachhaltigen Finanzierung erklärte: ESG‑Kriterien, gängige nachhaltige Investitionsstrategien und die europäische Regulierung nachhaltiger Finanzen. Die Kontrollgruppe erhielt kein entsprechendes Bildungsmaterial.
Beide Gruppen trafen anschließend vier Investitionsentscheidungen. In jeder Runde wählten die Teilnehmenden einen von drei realen Fonds, die über die Oberfläche einer großen Direktbank angezeigt wurden. Das Experiment nutzte einen Bonusmechanismus, der tatsächliche finanzielle Auszahlungen erzeugen konnte, sodass die Teilnehmenden einen Anreiz hatten, die Fondsinformationen zu berücksichtigen, anstatt die Übung als hypothetische Umfrage zu behandeln.
| Studienmaß | Ergebnis |
|---|---|
| Teilnehmende | 1.000 |
| Medianalter der Teilnehmenden | 28 |
| Investitionsentscheidungen pro Teilnehmenden | 4 |
| Verbesserung der Kompetenz | Etwa 4 zusätzliche richtige Antworten von 9 |
| Steigerung der Auswahl nachhaltiger Fonds | Etwa 8,5 Prozentpunkte pro Entscheidung |
| Steigerung der angegebenen Nutzung von ESG‑Kriterien | Etwa 26,2 Prozentpunkte pro Entscheidung |
| Steigerung der Auswahl von Artikel‑9‑Fonds | 10,1 Prozentpunkte in der jeweiligen Runde |
Bildung veränderte Wissen und Fondsauswahl
Die Broschüre führte zu einer deutlichen Verbesserung der nachhaltigen Finanzkompetenz. Teilnehmende, die sie erhielten, beantworteten etwa vier Fragen mehr korrekt in einem neunköpfigen Test als die Kontrollgruppe.
Diese Verbesserung ging einher mit einer Verhaltensänderung. In den vier Entscheidungsrunden erhöhte das Erhalten der Broschüre die Wahrscheinlichkeit, einen nachhaltigen Fonds zu wählen, um etwa 8,5 Prozentpunkte pro Runde. Gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit, dass Teilnehmende angaben, ESG‑Kriterien in ihren Entscheidungen zu nutzen, um etwa 26,2 Prozentpunkte.
Das Experiment legt daher nahe, dass Informations‑Friktionen kein geringfügiges Ärgernis sind. Wenn Anleger die Sprache und Struktur nachhaltiger Finanzen nicht verstehen, können ihre letztendlichen Portfolios die bereits vorhandenen Präferenzen nicht widerspiegeln.
Die Ergebnisse stimmen mit früheren Forschungen überein, die zeigen, dass nachhaltige Finanzbildung hilft, Geld mit den Werten der Anleger in Einklang zu bringen. Die neue Studie erweitert dieses Argument, indem sie reale Finanzprodukte, incentivierte Entscheidungen und eine Bildungsintervention verwendet, die das Wissen der Teilnehmenden direkt erhöhte.
Anlegerpräferenzen bestimmen weiterhin die Richtung
Bildung überzeugte nicht jeden Teilnehmenden, nachhaltig zu investieren. Ihre Wirkung hing davon ab, ob ein Anleger bereits zumindest moderate Nachhaltigkeitspräferenzen besaß. Bei Personen ohne dieses zugrundeliegende Interesse führte zusätzliches Wissen nicht zu mehr nachhaltigen Fondsauswahlen.
Diese Erkenntnis liefert eine wichtige Grenze für die Interpretation finanzieller Bildung. Informationen können einem Anleger helfen, ein bereits bestehendes Ziel umzusetzen, schaffen das Ziel jedoch nicht notwendigerweise neu.
Nachhaltiges Investitionsverhalten lässt sich daher als Schnittpunkt zweier Faktoren verstehen:
- Eine Präferenz, die festlegt, was der Anleger erreichen möchte
- Ausreichende Kompetenz, das Produkt zu identifizieren, das dieser Präferenz entspricht
Wenn eine Komponente fehlt, bleibt das Portfolio unverändert. Präferenzen ohne Kompetenz können einen Anleger handlungsunfähig lassen. Kompetenz ohne Präferenz gibt dem Anleger Wissen, aber keinen Grund, Kapital in eine nachhaltige Strategie zu lenken.
Dies erklärt, warum Fragebögen, die Kunden fragen, ob Nachhaltigkeit wichtig ist, allein nur begrenzten Wert haben können. Eine Plattform kann eine Präferenz exakt erfassen, aber dennoch dem Anleger nicht helfen zu verstehen, welcher Fonds diese ausdrückt.
Warum mehr ESG‑Labels das Problem nicht lösen
Die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) der Europäischen Union klassifiziert Fonds danach, wie sie Nachhaltigkeit adressieren. Artikel 6 deckt Produkte ohne die umwelt- oder sozialbezogenen Merkmale von Artikel 8 oder Artikel 9 ab. Artikel 8‑Fonds fördern Umwelt‑ oder Sozialmerkmale, während Artikel 9‑Produkte ein nachhaltiges Investment als Ziel haben.
Diese Klassifikationen sollen die Transparenz erhöhen. Allerdings funktioniert die Offenlegung nur, wenn das intendierte Publikum sie versteht. Eine technisch korrekte Kennzeichnung kann dennoch als Entscheidungsinstrument versagen, wenn Retail‑Anleger nicht erklären können, was sie bedeutet.
Das Experiment verdeutlicht dieses Problem. In der Runde, in der konventionelle, Artikel‑8‑ und Artikel‑9‑Optionen präsentiert wurden, wählten Teilnehmende, die die Broschüre erhalten hatten, den Artikel‑9‑Fonds um 10,1 Prozentpunkte häufiger. Teilnehmende, die die Artikel‑9‑Frage der Studie korrekt beantworteten, wählten diesen Fonds um 11,8 Prozentpunkte häufiger.
Das beweist nicht, dass allein die Klassifikation den Unterschied verursacht hat. Die Studie umfasste nur ein Artikel‑9‑Produkt, das sich auf nachhaltige Wasserinvestitionen konzentrierte. Teilnehmende könnten auf das Wasserthema, die regulatorische Klassifikation oder beides reagiert haben.
Dennoch bleibt die weiterreichende Implikation wertvoll. Nachhaltige Finanzregulierung kann ihr volles Ziel nicht allein durch Offenlegung erreichen. Regulierungsbehörden und Finanzplattformen müssen zudem prüfen, ob Anleger die offengelegten Informationen interpretieren und über Produkte hinweg vergleichen können.
Finanzplattformen könnten Kompetenz in Infrastruktur verwandeln
Die Studie nutzte eine Broschüre, doch die interessantesten Implikationen reichen über gedrucktes Bildungsmaterial hinaus. Broker, Robo‑Advisors, Rentenplattformen und Fonds‑Marktplätze könnten nachhaltige Finanzkompetenz direkt in den Investitionsprozess integrieren.
Eine Plattform könnte eine Klassifikation beim ersten Auftreten erklären, Anlegern ermöglichen, Strategien anhand einheitlicher Definitionen zu vergleichen, und zeigen, wie das erklärte Ziel eines Fonds von seinen zugrunde liegenden Beständen abweicht. Sie könnte zudem Nachhaltigkeitsmerkmale von konventionellen Faktoren wie Gebühren, Diversifikation, Konzentration und historischer Volatilität trennen.
Dieser Ansatz würde Bildung als Teil der Produktoberfläche behandeln, nicht als separaten Kurs, den Anleger absolvieren müssen. Die wirksamste Intervention muss nicht eine umfangreiche Bibliothek von Bildungsartikeln sein, sondern eine prägnante Erklärung, die genau an dem Punkt geliefert wird, an dem ein Anleger einen unbekannten Begriff begegnet.
Bessere Bildung könnte zudem die Anfälligkeit für Greenwashing verringern. Anleger, die Ausschlüsse, ESG‑Integration, Transition‑Strategien und Impact‑Ziele verstehen, sind besser gerüstet, zu hinterfragen, ob die Bestände eines Fonds dessen Marketing unterstützen. Kompetenz hat daher das Potenzial, sowohl die Teilnahme an nachhaltigen Investitionen als auch die Produktkritik zu verbessern.
Investitionen in nachhaltige Fonds‑Infrastruktur
Die Verbindung zwischen Anlegerbildung und Produktdistribution führt naturgemäß zu den Unternehmen, die große Fonds‑Plattformen betreiben. BlackRock (BLK ) (NYSE: BLK) bietet über sein iShares‑Geschäft eine breite Auswahl an börsengehandelten Fonds, darunter Produkte, die auf Umwelt‑, Sozial‑ und Governance‑Kriterien basieren.
BlackRock stellt Bildungsmaterial bereit, das nachhaltiges Investieren mit ETFs erklärt, sowie Werkzeuge zur Bewertung der Nachhaltigkeitsmerkmale von Portfolios. Seine Position im Asset‑Management, bei ETFs, Portfolio‑Analytics und der Infrastruktur für Finanzberater macht es für Anleger relevant, die Zugang zu den Unternehmen suchen, die bestimmen, wie nachhaltige Produkte präsentiert und vertrieben werden.
Die Studie untersuchte BlackRock nicht, und ihre Ergebnisse sollten nicht als Evidenz für einen konkreten iShares‑Fonds interpretiert werden. Das Unternehmen ist relevant, weil die Forschung das Verständnis der Anleger und die Produktpräsentation als potenzielle Wettbewerbsfaktoren für große Asset‑Manager identifiziert. Wenn Bildung hilft, bestehende Präferenzen in Allokationen zu überführen, könnten Plattformen, die Fondsunterscheidungen leichter verständlich machen, besser positioniert sein, um diese Mittelströme anzuziehen.
BLK Preisdiagramm
Nachhaltige Finanzkompetenz könnte zum Wettbewerbsvorteil werden
Die Ergebnisse der Studie sollten mit angemessener Vorsicht behandelt werden. Die Teilnehmenden waren jünger und besser gebildet als die breitere deutsche Anleger‑Population, und etwa ein Drittel gab eine Präferenz für die Grünen an. Die Autoren beschreiben die geschätzte Wirkung daher als wahrscheinlich obere Grenze für die Gesamtbevölkerung.
Das Experiment maß zudem unmittelbare Entscheidungen nach einer einmaligen Intervention. Es beweist nicht, ob das Wissen Monate später noch vorhanden war oder ob Teilnehmende mit ihrem eigenen Ersparten ähnlich handeln würden. Weitere Forschung in Banken und Brokerage‑Plattformen würde stärkere Evidenz für dauerhafte reale Effekte liefern.
Selbst mit diesen Einschränkungen ändert die Forschung die Interpretation der Lücke zwischen nachhaltigen Präferenzen und nachhaltigen Portfolios. Anleger verlassen möglicherweise nicht ihre Werte, wenn sie konventionelle Fonds wählen; manche fehlen einfach die Kenntnisse, um eine passende Alternative zu finden.
Für Asset‑Manager bedeutet das, dass Bildung mehr ist als eine PR‑Maßnahme. Klare Definitionen, vergleichbare Offenlegungen und gut gestaltete Oberflächen können Teil der Produktdistribution werden. Für Regulierungsbehörden bedeutet es, dass Transparenz danach bewertet werden sollte, was Anleger verstehen, nicht nur danach, was Anbieter offenlegen.
Die nächste Phase des nachhaltigen Investierens könnte weniger davon abhängen, eine weitere Fonds‑Kategorie einzuführen, sondern mehr davon, Anlegern die bereits vorhandenen Auswahlmöglichkeiten verständlich zu machen.
References:
1. Auzepy, A., Bannier, C. E., & Gärtner, F. (2026). Jenseits von Nachhaltigkeitspräferenzen: Die Rolle der nachhaltigen Finanzkompetenz beim nachhaltigen Investieren. International Review of Economics and Finance, Article 105773. Advance online publication. https://doi.org/10.1016/j.iref.2026.105773












