Biotechnologie
Fünf Mikrobiom-Unternehmen: historischer Überblick für 2023

Die Bedeutung von Mikrobiomen
Ein Mikrobiom ist eine Gemeinschaft von Mikroorganismen in einer bestimmten Umgebung. Dazu gehören neben Bakterien auch Pilze und Viren. Hunderte oder Tausende Arten können auf komplexe Weise zusammenwirken.
Gemeint ist häufig das menschliche Darmmikrobiom. Es ist für die Gesundheit wichtig; Veränderungen stehen unter anderem mit Stoffwechsel- und Entzündungskrankheiten in Verbindung. Die damit verbundenen Probleme reichen von Beschwerden bis zu schweren Erkrankungen.
Aber es kann auch das Mikrobiom des Bodens sein, ein wesentlicher Bestandteil der Bodenfruchtbarkeit und der landwirtschaftlichen Erträge.
Die ursprüngliche Branchenanalyse berichtete, dass Mikrobiom-Unternehmen in den zwei Jahren bis 2021 insgesamt rund 1,6 Milliarden Dollar aufgenommen hatten; überwiegend stammten diese Mittel von Risikokapitalfonds.
Mikrobiom-Unternehmen wollen die Funktionen lebender Mikroorganismen therapeutisch nutzen. Einige tragen von Natur aus zur Gesundheit bei. Die Wirksamkeit eines daraus entwickelten Arzneimittels muss jedoch gesondert nachgewiesen werden.
Lebende Organismen sind komplex. Sie lassen sich nur schwer so kontrollieren oder optimieren, dass eine vorhersehbare und gleichbleibende therapeutische Wirkung entsteht. Fortschritte in Genomik und Metagenomanalyse erweiterten in den zehn Jahren vor 2023 die Forschungsmöglichkeiten. Mikrobiom-Therapien entstanden jedoch nicht erst zu diesem Zeitpunkt.
Fünf Mikrobiom-Unternehmen: historischer Überblick für 2023
Diese Auswahl beschreibt den Stand um März 2023, als der ursprüngliche Artikel erschien. Bewertungen, Entwicklungsprogramme und Prognosen beziehen sich auf die damalige Situation.
Dies ist keine Anlageberatung. Die Reihenfolge richtet sich nach den damaligen Börsenbewertungen und stellt keine Qualitätsrangliste dar. Die Auswahlkriterien waren:
- Börsennotierung.
- Ausschließliche oder überwiegende Ausrichtung auf das Mikrobiom; große Unternehmen ohne diesen Schwerpunkt wurden ausgeschlossen.
- Eine nachweisbare Innovationsgeschichte auf diesem Gebiet.
- Fortschritte in der Produktentwicklung, etwa vermarktete oder lizenzierte Produkte oder die Unterstützung etablierter Partner.
- Eine begründete Aussicht, ein Produkt aus der Forschung und Entwicklung vermarkten zu können.
Finch Therapeutics wurde wegen des möglichen Werts seines geistigen Eigentums, seines präklinischen Portfolios und seiner liquiden Mittel als Ausnahme aufgenommen.
1. Finch Therapeutics
Ungefähre Börsenbewertung laut ursprünglicher Analyse vom März 2023: 22 Millionen Dollar.
Finch kündigte am 24. Januar 2023 an, die Phase-III-Studie PRISM4 zu CP101 bei C.-difficile-Infektionen einzustellen. Das Unternehmen wollte den Wert seines geistigen Eigentums und anderer Vermögenswerte realisieren und die Belegschaft um etwa 95 % reduzieren. Projekte zu Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und Autismus gehörten zum früheren präklinischen Portfolio; die Mitteilung kündigte keine Fortführung aller dieser Entwicklungsprogramme an.
Der damalige Unternehmenswert hing damit stark vom geistigen Eigentum, anderen Vermögenswerten und möglichen strategischen Transaktionen ab.
Die ursprünglich angeführten 133,5 Millionen Dollar an Zahlungsmitteln und Zahlungsmitteläquivalenten sowie 23,145 Millionen Dollar Gesamtverbindlichkeiten stammten vom 31. Dezember 2021. Die Differenz von rund 110 Millionen Dollar lag über der genannten Börsenbewertung von 22 Millionen Dollar, nicht darunter. Dieser Vergleich mit einer alten Bilanz belegte jedoch weder den Nettovermögenswert im März 2023 noch einen sicheren Gewinn bei einer Liquidation. Die Zahlungsmittel waren bis zum 30. September 2022 auf 85,3 Millionen Dollar und bis zum 31. Dezember 2022 auf 71 Millionen Dollar gesunken.
2. Synlogic
Ungefähre Börsenbewertung laut ursprünglicher Analyse vom März 2023: 57 Millionen Dollar.
SYBX Preisdiagramm
Synlogic verband synthetische Biologie mit Mikrobiom-Forschung. Ziel war es, Bakterien für bestimmte Funktionen im Mikrobiom eines Patienten zu entwickeln.
Das Unternehmen arbeitete mit Ginkgo Bioworks zusammen (DNA ), das auch im Artikel über synthetische Biologie behandelt wurde. Im Rahmen der Vereinbarung von 2019 investierte Ginkgo 80 Millionen Dollar in Synlogic. Synlogic zahlte seinerseits 30 Millionen Dollar im Voraus für Ginkgos Entwicklungsleistungen während der ersten fünf Jahre. Es handelte sich nicht um einen Forschungszuschuss von Ginkgo an Synlogic. Synlogic behielt die weltweiten Vermarktungsrechte an seinen Programmen.
Eine weitere Partnerschaft wurde 2021 mit Roche geschlossen, um eine Behandlung für entzündliche Darmerkrankungen (IBD) zu entwickeln.
Im März 2023 plante Synlogic, die Phase-III-Studie zu SYNB1934 gegen Phenylketonurie in der ersten Jahreshälfte 2023 zu beginnen. Die ursprüngliche Analyse verwendete Schätzungen von weltweit 150.000 Betroffenen, einem Anteil unbehandelter Patienten von 75 % und einem Marktpotenzial von einer Milliarde Dollar. Das waren keine bereits erzielten Umsätze.
Weitere Programme gegen Homozystinurie, enterische Hyperoxalurie und Gicht befanden sich in frühen klinischen oder präklinischen Entwicklungsstadien. Nicht alle waren damals bereits in Phase II.
Synlogic hatte noch keine Umsätze mit zugelassenen Produkten, erzielte aber Forschungs- und Kooperationserlöse. Zum 30. September 2022 verfügte das Unternehmen über 91,7 Millionen Dollar an Zahlungsmitteln, Zahlungsmitteläquivalenten und kurzfristigen Anlagen. Im dritten Quartal betrugen der Nettoverlust 17,912 Millionen Dollar, die betrieblichen Aufwendungen 19,012 Millionen Dollar und die Forschungserlöse 0,678 Millionen Dollar. Ein Nettoverlust entspricht nicht unmittelbar dem Mittelabfluss. Das Unternehmen erwartete damals eine Finanzierung bis ins Jahr 2024 hinein, nicht ausdrücklich bis zur zweiten Jahreshälfte 2024.
3. MaaT Pharma
Ungefähre Börsenbewertung laut ursprünglicher Analyse vom März 2023: 86 Millionen Dollar.
MaaT Pharma entwickelte Mikrobiom-Ökosystem-Therapien (MET) mit KI-gestützter Analyse. Anstelle einer einzelnen Bakterienart sollte ein aus gesunden Spendern gewonnenes und im Herstellungsverfahren aufbereitetes Ökosystem zahlreicher Arten verabreicht werden.
MaaT013 richtete sich gegen schwere gastrointestinale akute Graft-versus-Host-Erkrankungen nach einer allogenen Stammzelltransplantation. Es war kein allgemeines Mittel gegen sämtliche Nebenwirkungen einer Krebstherapie. In seiner Präsentation vom Januar 2023 nannte MaaT drei Entwicklungsprodukte und vier onkologische Studien. Das Unternehmen bezeichnete sich als erstes Mikrobiom-Unternehmen mit einer Phase-III-Studie in der Onkologie.
MaaT013 befand sich in Phase III und hatte von FDA und EMA eine Orphan-Drug-Ausweisung erhalten. Diese Ausweisung ist keine Arzneimittelzulassung. Für MaaT033 war Phase Ib abgeschlossen und Phase IIb geplant.
In der Phase-II-Studie HERA zu MaaT013 lag die berichtete Überlebensrate nach zwölf Monaten bei 44 % für Patienten mit Ansprechen und bei 13 % für Patienten ohne Ansprechen. Das war kein Nachweis einer kontrollierten Steigerung von 13 % auf 44 % und kein Ergebnis der Phase-III-Studie. Das berichtete Sicherheitsprofil war günstig, garantierte aber keine spätere Anwendung bei den meisten Patienten. Im Januar 2023 zielte das Unternehmen auf eine mögliche Markteinführung um 2025 ab.
Gemeinsam mit Skyepharma baute das Unternehmen eine Anlage auf, die es als Europas größte MET-Produktionsstätte bezeichnete. Die im Januar 2023 geplante Jahreskapazität betrug 9.000 Dosen MaaT013 sowie 1,3 Millionen Kapseln MaaT033 und 0,3 Millionen Kapseln MaaT03x. MaaT013 wird rektal verabreicht; die Zahl 9.000 bezeichnete keine Kapseln. Dass diese Kapazitäten den adressierbaren Markt abdecken könnten, war eine Prognose des Unternehmens.
MaaT Pharma war an der Euronext Paris notiert. Zum 30. September 2022 verfügte es über 40,3 Millionen Euro an Zahlungsmitteln. Im dritten Quartal erzielte es 0,4 Millionen Euro Erlöse aus dem frühen Zugang zu Therapien; es war somit nicht vollständig umsatzlos. Der Finanzierungsbedarf für Betrieb und Entwicklung im Quartal betrug 4,4 Millionen Euro. Am 17. Februar 2023 nahm das Unternehmen 12,68 Millionen Euro auf. Im Januar 2023 erwartete es, dass die Mittel bis zum vierten Quartal 2023 reichen würden. Für die angestrebte Markteinführung 2025 war weitere Finanzierung erforderlich.
4. Evelo Biosciences
Ungefähre Börsenbewertung laut ursprünglicher Analyse vom März 2023: 89 Millionen Dollar.
EVLO Preisdiagramm
Evelo berichtete über positive Signale in der Phase-II-Studie zu EDP1815 bei Psoriasis und prüfte die Vorbereitung einer weiterführenden klinischen Entwicklung. Die Studie zur atopischen Dermatitis verfehlte ihren primären Endpunkt. Das Unternehmen führte eine hohe Placeboantwort als mögliche Erklärung an; dadurch wurde die Studie weder ungültig noch die Wirksamkeit des Wirkstoffs bewiesen.
Evelo verfügte zum 30. September 2022 über 69,053 Millionen Dollar an Zahlungsmitteln und Zahlungsmitteläquivalenten. Die ursprüngliche Analyse verwendete eine angenommene Quartalsausgabe von rund 30 Millionen Dollar, um auf eine begrenzte Finanzierungsreichweite hinzuweisen. Eine weitere Kapitalaufnahme konnte bestehende Aktionäre verwässern, insbesondere bei niedrigen Aktienkursen.
5. Seres Therapeutics
Ungefähre Börsenbewertung laut ursprünglicher Analyse vom März 2023: 675 Millionen Dollar.
MCRB Preisdiagramm
Im März 2023 war der angestrebte Termin für die FDA-Entscheidung (PDUFA‑Datum) der 26. April 2023. Die Entscheidung konnte damals eine bedeutende Entwicklung für die Aktie sein.
SER-155 wurde bei immungeschwächten Patienten nach allogener hämatopoetischer Stammzelltransplantation untersucht. Ziel war die Verringerung von gastrointestinalen und Blutstrominfektionen sowie des Risikos einer Graft-versus-Host-Erkrankung.
Bei Colitis ulcerosa war die Phase-IIb-Studie zu SER-287 im Juli 2021 gescheitert. Das frühere Entwicklungsprogramm SER-301 und präklinische Programme zum Infektionsschutz gehörten ebenfalls zum Forschungsportfolio. Es handelte sich nicht um zugelassene Mittel zur allgemeinen Verbesserung der Verträglichkeit von Krebstherapien.
Bis 2025 wollte das Unternehmen SER-109 als Standardoption zur Verhinderung wiederkehrender C.-difficile-Infektionen etablieren und SER-155 in spätere klinische Studienphasen bringen. Das bedeutete nicht, dass SER-109 erstmals 2025 auf den Markt kommen sollte.
Seres erzielte noch keine Umsätze mit zugelassenen Arzneimitteln, hatte aber Kooperationserlöse. Zahlungsmittel und Anlagen betrugen zum 31. Dezember 2022 insgesamt 181,3 Millionen Dollar. Der Vergleichswert von 291,2 Millionen Dollar stammte vom 31. Dezember 2021. Eine Aktienplatzierung mit einem Bruttoerlös von 100 Millionen Dollar war bereits im Juli 2022 abgeschlossen worden.
Aufbau eines Mikrobiom-Portfolios
Mikrobiom-Arzneimittel waren im März 2023 ein junges und risikoreiches Entwicklungsgebiet. Der gesamte Bereich befand sich aber nicht mehr ausschließlich in klinischen Studien: Die FDA hatte Rebyota am 30. November 2022 zugelassen. Die unerwartete Einstellung von Finchs Phase-III-Studie zeigte, welche Risiken selbst fortgeschrittene Programme bergen.
Die ursprüngliche Analyse vom März 2023 beschrieb einen Rückgang des Anlegerinteresses in den vorausgegangenen zwölf bis achtzehn Monaten. Wissenschaftliche und klinische Arbeiten wurden dennoch fortgesetzt.
Risikobereite Investoren und Spekulanten konnten sich für Finchs Vermögenswerte oder einen möglichen Liquidationswert interessieren. Der Vergleich der Börsenbewertung mit einem Fünftel der Zahlungsmittel beruhte allerdings auf einer alten Bilanz und belegte keinen aktuellen Liquidationswert. Bei Unternehmen mit zusätzlichem Finanzierungsbedarf wie Evelo oder Synlogic hing ein möglicher Ertrag von klinischem Erfolg, Vermarktung und der Verwässerung durch neue Aktien ab.
Anleger, die innerhalb dieses risikoreichen Sektors fortgeschrittenere klinische Programme bevorzugten, konnten sich auf Unternehmen wie Seres Therapeutics (MCRB ) oder MaaT Pharma konzentrieren. Das machte die Anlage nicht risikoarm.
Im März 2023 gehörte Seres mit SER-109 zu den weiter fortgeschrittenen Unternehmen bei der Verhinderung wiederkehrender C.-difficile-Infektionen. Bei einer Zulassung wurde eine mögliche Markteinführung in der ersten Jahreshälfte 2023 erwartet.
MaaT Pharma konzentrierte sich auf kleinere, für die Patienten jedoch entscheidende Anwendungsgebiete mit wenigen Alternativen, insbesondere schwere gastrointestinale Graft-versus-Host-Erkrankungen.
Die damaligen Zeitpläne unterschieden sich: eine mögliche Markteinführung von SER-109 im Jahr 2023 und ein angestrebter Start von MaaT013 um 2025. Die Behauptung, beide Unternehmen benötigten nur wenig zusätzliches Kapital, war nicht ausreichend belegt. Klinische Ergebnisse, regulatorische Entscheidungen, Kosten und Finanzierung blieben auch bei fortgeschrittenen Programmen wesentliche Risiken.











